Grüne Gurus
 oder „Zehn Tugenden der Wilden Pflanzen“

Ich liebe sie, die wilden, grünen Pflanzen. Ich mag ihre Unabhängigkeit, Wildheit, Hingabe, Zärtlichkeit und Ausdauer.
Mitten in unserer durchstrukturierten, geplanten und organisierten Kulturlandschaft bilden sie eine Art Parallelgesellschaft der Pflanzen. Sie sind Anarchisten und besetzen Plätze.  Überall. Sie finden immer ihre Nische und  wachsen selbst unter widrigen Umständen: geduldig und beharrlich, solange Leben in ihnen steckt.
Sie lassen sich einfach nicht unterkriegen.
Die wilden Pflanzen folgen nicht  irgendeiner Idee von Menschen und Landschaftsplanern, sondern sie folgen ihrem ganze eigenen „Stern“. Was auch passiert.
Und damit dienen sie uns Menschen. Auch denen, die sich über sie ärgern. Es gibt Pflanzen die folgen den Menschen und ihren Behausungen.   Sie lassen sich rund um ihre Häuser und Gärten nieder: so die Brennnessel, die Melde und das Franzosenkraut. Sie bringen Vitamine, Spurenelemente, Heilkräfte, die den Kulturpflanzen schon längst weggezüchtet wurden.
Manche sagen, es wachsen gerade die Pflanzen,in der Umgebung eines Menschen,  die ihm gut tun und Heilung bringen. Da wachsen z.B. plötzlich Schafgarben, oder Ringelblumen, oder das Fünffingerkraut.

Ich glaube, je länger, je mehr, noch an eine andere Wirkung der Wilden Pflanzen: Ich glaube, wenn wir uns mit „Wilden Pflanzen“ beschäftigen geht etwas von ihrer  Natur auf uns über.
Wir kommen unserer eigenen menschlichen, wilden Natur, unserer eigenen natürlichen Bestimmung wieder näher. Ich nenne sie hier Tugenden, - nicht in einem moralischen Sinne, sondern in dem Sinne, dass es Eigenschaften sind, die uns grundlegend zum Leben „taugen“.

"Suchst du das Höchste, das Grösste, die Pflanze kann es dich lehren, was sie willenlos ist, sei du willentlich, das ist`s" Friedrich Schiller

1. Hingabe, die Heckenrose:

A rose is a rose is a rose.
Sie versucht nichts anderes zu sein. Ihr ganzes Bestreben ist ihrer Berufung als Rose so hingebungsvoll, wie möglich zu erfüllen. Bis zum letzten Sonnenstrahl im Herbst schenkt sie ihre Blüten, egal, ob sie von jemanden gesehen werden oder nicht. Sie blüht, sie verströmt ihren Duft. Sie geht auf in der Selbstverständlichkeit ihres Seins und verschenkt sich.

2. Beharrlichkeit, die Vogelmiere:

Die Vogelmiere erweist sich wahrlich als beharrlich. Sie lässt sich einfach nicht unterkriegen. In ihrer Zartheit trotzt sie den widrigsten Umständen. Nur eine Pflanze bringt jährlich 5 Generationen mit insgesamt 10 bis 20 000 Samen hervor und der Samen selbst kann 60 Jahre keimfähig warten, bis die Waschstumsbedingungen wieder optimal sind. Gut für Wildkräuterliebhaber, denn die Vogelmiere wächst das ganze Jahr enthält doppelt so viel Calcium, dreimal so viel Kalium und Magnesium und siebenmal so viel wie Eisen wie der Kopfsalat, sie ist sehr reich an Vitamin A und C, ferner Vitamin B1, B2 und B3, sowie Selen und Kieselsäure.

3. Einfachheit, das Gänseblümchen:

Das Gänseblümchen macht nicht viel Aufhebens von sich und seiner Existenz. Es ist einfach. Es drängt sich nicht auf. Was es zu bieten hat ist, bei aller Kleinheit, enorm: Ein Tee wirkt bei Erkrankungen der Atemwege, Rheuma, Nieren- und Blasenbeschwerden. Hildegard von Bingen sagte: „Für einen gesunden Menschen ist es gut zu essen, weil es das gute Blut in ihm vermehrt und einen klaren Verstand bereitet.“ Eine Gänseblümchensuppe ist fast wie eine vegetarische Hühnersuppe: Sie ist aufbauend und kräftigend.

4. Resilienz, die Brennnessel:

Die Brennnessel hat Resilienz, d.h., sie  besitzt die  Fähigkeit, Krisen zu bewältigen und für ihre Entwicklungen zu nutzen. Ödland, Schuttplatz, armer Boden? Kein Problem, sondern eine Gelegenheit. Krise als Chance.  Auch als Frassschutz gegenüber Tieren ist die Brennnessel einfaltsreich. Statt Bitterstoffe, wie andere Pflanzen, hat sich die Brennnessel ihre Brennhaare zugelegt, so wird sie  kaum gefressen und kann sich friedlich vermehren. Gut für die Menschen. denn die Brennnessel ist für fast alles zu gebrauchen. Sie ist ein Wildgemüse, von dem wir bedenkenlos viel essen können und auch sollten. Die Brennnessel ist das Gemüse zur Blutreinigung und zur Vermeidung von Blutarmut und Eisenmangel. Sie ist vitalisierend und treibt Harnsäure aus. Sie ist Düngung für den Garten, man kann Papier und Stoff aus ihr machen. Solange es Brennnesseln gibt ist unser Überleben so gut wie gesichert.


5. Unabhängigkeit, die Schafgarbe

Die Schafgarbe ist das Frauenkraut schlechthin. Sie lässt sie sich zwar leidlich kultivieren, aber ihre vollen heilsamen Inhaltsstoffe gibt sie nur dann Preis, wenn man ihr ihre Freiheit lässt. Wenn sie wachsen darf, wo sie will ist sie wirksam bei Magenschwäche, Durchfall, Bauchschmerzen, Blasenschwäche, gegen Krämpfe und zur Blutreinigung.

6. Widerstandsfähigkeit, Breitwegerich

Der Breitwegerich ist trittfest. Er bleibt, wenn andere schon lange gegangen sind. Er drückt sich sogar durch Steinritzen. Er wächst einfach. Folgt seine Aufgabe. Auch wenn andere darüber laufen und drumrum bauen. Wie sein Bruder, der Spitzwegerich ist er ein hervorragendes Mittel gegen Bienen- und Insektenstiche aus der Outdoor-Apotheke für Unterwegs. Einfach ein Blatt zerreiben oder zerkauen und auf den Stich legen. Es lindert die Schmerzen und lässt die Haut abschwellen.

7. Grosszügigkeit, der Bärlauch

Ja, der Bärlauch. Wir können eben nicht alles mit den Augen an der Oberfläche sehen. Der Bärlauch gibt uns alles, was er hat. In all seinen Teilen ist er Heilnahrung und Wunderwaffe gegen Arterienverkalkung und eine super Stärkung des Immunsystems. Im frühen Jahr schneidet man die Blätter, dann kann man die herrlichen Knospen und Blüten ernten, die auch ein hervorragendes Gemüses abgeben und dann, wenn er in seiner überirdischen Erscheinung schon verschwunden ist,  können wir uns auch noch daran machen in der Erde zu graben, um das Glück in Form von Bärlauchzwiebeln aus der Tiefe zu holen. Heilnahrung und Wunderwaffe gegen Arterienverkalkung und stärkt das Immunsystem. Einfach grosszügig, der Bärlauch.

8. Bescheidenheit, das „gemeine“ Labkraut

Es wächst auf fast jeder Wiese, erkannt wird es trotzdem von den Wenigsten. Das schert das Labkraut nicht.  Es wächst trotzdem und stellt sich denen zur Verfügung, die es sehen und brauchen wollen. Es ist ein leckerere, milder Bestandteil in Salaten, auch ein feines Wildgemüse, das auch in grossen Mengen verzehrt werden kann. In seiner Heilwirkung unterstützt es, als Tee getrunken, vor allem das Lymphsystem bei der Ausscheidung von Giften. Etwas aufmüpfiger als das „gemeine Labkraut“ und weniger bescheiden ist das Klettenlabkraut. Es wirkt genauso, hängt sich aber schon mal an das Hosenbein, um auf sich aufmerksam zu machen. Gut so, schliesslich könnten wir auch mal die Augen aufmachen.

9. Reagibilität, die Melde

Die Melde hat die Fähigkeit sensibel auf die Umstände zu reagieren. In ihrem Falle, den unterschiedlichen Salzgehalt im Boden. Sie hat die Möglichkeit das überflüssige Salz über die Blattoberfläche einfach wieder auszuscheiden. Als Wildgemüse übertrifft sie geschmacklich den beliebten Spinat und kann genauso wie dieser in der Küche verwendet werden.  Sie ist eine Pionierpflanzen in Gärten und auf Ödland, enthält viel Eisen, ist somit blutbildend sowie ballaststoffreich und stärkend.


10. Lebensfreude, der Löwenzahn

Gelber geht es nicht, wie die Blüten des Löwenzahns. Pures materialisiertes Sonnenlicht Und dann die Pusteblume des Löwenzahns:  Reiner Ausdruck von Freude des Lebens an sich selbst. Was für eine lustige Erfindung, - das kann keine reine Reproduktionsbiologie sein.
Noch nicht genug? Bitter macht lustig. Die Bitterstoffe des Löwenzahns unterstützen die Leber. Ohne einen guten Leberstoffwechsel läuft gar nix, ausser Müdigkeit und schlechter Laune.
Also einfach Löwenzahn essen: Die Blätter geben einen guten Salat und auch die Stengel sind sehr wirksam. Eine „Leber-lustig“ -Kur ist es, im Frühling während 14 Tagen jeweils bis zu 6 Stengel täglich zu verzehren. Als Investition in Lebensfreude pur.